Menu Close

Articolo di Jil-Christine Sauer

Gabrielle Nanchens Elternurlaubsvorschlag von 1977: Zum Scheitern eines frühen Versuchs, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Schweiz zu fördern

Wenn heute über Elternzeit in der Schweiz diskutiert wird, wirkt das Thema erstaunlich aktuell. Dabei reicht die politische Auseinandersetzung um einen Elternurlaub weit zurück. Bereits 1977 forderte die Nationalrätin Gabrielle Nanchen mit einer parlamentarischen Initiative einen Elternurlaub, der beiden Elternteilen offenstehen sollte. Ihr Vorschlag war seiner Zeit weit voraus und scheiterte deutlich im Parlament.

In meiner Bachelorarbeit gehe ich der Frage nach, weshalb dieser frühe Versuch, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Schweiz zu verbessern, keine politische Mehrheit fand. Um die Gründe für dieses Scheitern zu verstehen, genügt es nicht, allein den inhaltlichen Vorschlag Nanchens zu betrachten. Entscheidend ist vielmehr der politische und gesellschaftliche Kontext, in dem er eingebracht wurde. Anfang der 1980er Jahre prägten bürgerliche Parteien den Nationalrat deutlich, während Frauen politisch stark untervertreten waren. Diese Zusammensetzung beeinflusste die parlamentarische Debatte wesentlich.

Die Betrachtung der Beratungen im Nationalrat sowie der Stellungnahme des Bundesrates zeigt, dass wirtschaftliche Argumente eine zentrale Rolle spielten. Der Elternurlaub wurde primär als finanzielles Risiko und nicht als sozialpolitische Investition wahrgenommen. Die Befürchtung zusätzlicher Staatsausgaben bestimmte grosse Teile der Diskussion. Gleichzeitig wurde Kinderbetreuung weitgehend als private Aufgabe der Familie verstanden und faktisch den Müttern zugeschrieben. In den parlamentarischen Wortmeldungen zeigt sich ein klares Rollenverständnis, das staatliche Verantwortung im Familienbereich skeptisch beurteilte. Hinzu kommt, dass bis zur Revision des Eherechts der Ehefrau die Betreuung der Kinder und des Haushalts sogar gesetzgeberisch zugewiesen war. Ein Elternurlaub, der eine partnerschaftliche Aufteilung von Betreuungs- und Erwerbsarbeit vorsah, stand somit in deutlichem Widerspruch zu den damaligen gesellschaftlichen Leitvorstellungen, die sich auch in den Positionen vieler Parlamentsmitglieder widerspiegelten.

Vor diesem Hintergrund wurde Nanchens Initiative weniger als notwendige Reform wahrgenommen, sondern vielmehr als politisch und wirtschaftlich nicht tragbar beurteilt. Ihr Vorschlag stellte bestehende Strukturen in Frage und stiess damit auf erheblichen Widerstand.

Auch wenn der Elternurlaub bis heute nicht umgesetzt ist, bleibt Nanchens Vorstoss bedeutsam. Politische Forderungen entfalten ihre Wirkung oft nicht unmittelbar, sondern langfristig. Ihre Initiative war ein früher Beitrag zu einer Diskussion, die bis heute anhält. Dass einzelne Elemente, später doch umgesetzt wurden, zeigt, dass politische Ideen nicht wirkungslos bleiben, nur weil sie zunächst scheitern.

Meine Arbeit macht deutlich, dass der Elternurlaub nicht deshalb scheiterte, weil die Idee ungeeignet gewesen wäre, sondern weil das politische und gesellschaftliche Umfeld noch nicht bereit dafür war. Das damalige Rollenverständnis, wirtschaftliche Interessen und die Mehrheitsverhältnisse im Parlament verhinderten eine grundlegende Reform. Der Blick auf den frühen Vorstoss von Gabrielle Nanchen zeigt, dass die heutige Diskussion um Elternzeit keine neue ist, sondern Teil einer langen politischen Entwicklung. Nanchens Initiative mag im Parlament gescheitert sein, doch sie war kein vergeblicher Versuch. Sie hat ein Thema aufgegriffen, das weiterhin ungelöst ist und politisch immer wieder neu verhandelt wird. Dass heute erneut über umfassende Elternzeitmodelle diskutiert wird, zeigt, wie langfristig politische Ideen wirken können, selbst wenn sie zunächst keine Mehrheit finden.

Literaturverzeichnis

Amtliches Bulletin der Bundesversammlung, Parlamentarische Initiative Familienpolitik (Nanchen), Nationalrat, Sitzung vom 16. März 1983, Band II

Bericht des Bundesrates, Empirische Evidenzen und Machbarkeit einer gesamtwirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Betrachtung verschiedener Elternzeitmodelle, Bericht des Bundesrates in Erfüllung des Postulates 21.3961 eingereicht von der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates am 23.06.2021, Bern 2025

Botschaft über die Änderung des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Wirkungen der Ehe im allgemeinen, Ehegüterrecht und Erbrecht) vom 11. Juli 1979, BBl 1979 II 1191 ff.

Botschaft über die Volksinitiative «für einen wirksamen Schutz der Mutterschaft» vom 17. November 1982, BBl 1982 III 845 ff.

Nanchen Gabrielle, Interview, Universität Zürich, Schweizer Juristinnen und Frauenrechte in der Schweiz seit 1971, 2024