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Artikel von Sarah Wacker

Frauenrechte im Bundesparlament: Gabrielle Nanchens Pionierarbeit für soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung

Als 1971 in der Schweiz endlich die ersten Frauen im Bundesparlament sassen, wurden sie mit Blumen empfangen und mit “Frau Nationalrat” angesprochen. Es brauchte viel, bis sich der Umgang änderte in einem politischen System, welches in der männerbündischen Schweiz entstanden und darauf aufgebaut ist. Bis 1971 wurden Frau und Mann als so ungleich betrachtet, dass ihnen nicht die gleichen Rechte zugestanden wurden. Dieses äusserst hierarchische Denken hat seinen Ursprung in den tief verankerten Rollenbildern, nach denen die Frau aufgrund ihrer biologischen Verbindung mit Schwangerschaft und Mutterschaft Haushalt und Kindern verpflichtet, und der Mann für die ‘öffentliche Sphäre’ von Politik und Gesellschaft zuständig war. Die Schweiz wurde der Sage nach von Männern gegründet (Rütlischwur) und von einem Mann gerettet (Wilhelm Tell); Frauen waren stets nur zur Unterstützung des Mannes da, und vor allem um ‘schweizerische Grundwerte’ wie ebenjene des Männerbundes (der Mann als republikanischer Kopf und die Frau als dessen Gefährtin) an die Kinder der Nation weiterzugeben. Wie sollten Frauen vor diesem Hintergrund ‘plötzlich’ mitreden können?

Gabrielle Nanchen, die ursprünglich Sozialwissenschaften und Sozialarbeit studiert hat, war von ihrer Wahl in den Nationalrat so überrascht, dass sie erst gar nicht annehmen wollte. Doch schliesslich erkannte sie das Potenzial, endlich Veränderung in der schweizerischen Politik bewirken zu können und trat das Amt als eine der ersten Frauen im Bundesparlament an. Als SP-Politikerin engagierte sie sich für einen besseren Sozialstaat Schweiz, unter anderem für ein flexibles Rentenalter, die Verbesserung des Saisonnierstatus und eine Familienpolitik, “die diesen Namen tatsächlich verdiente”.

Nanchen erkannte früh, wie konservative Werte, vereint mit dem Schweizer Demokratiesystem, Veränderungen in der Schweiz oft sehr langwierig machten. Als sie 1977 eine parlamentarische Initiative zur Einführung eines besseren Mutterschutzes einreichte, wurde der Vorschlag über sechs Jahre diskutiert, bis er dann abgeschrieben wurde – aus Kostengründen und weil der Bundesrat einen indirekten Gegenvorschlag ausgearbeitet hatte, welcher dieselben Themen, aber um einiges weniger umfangreich behandelte. Es war ausserdem ein grosses Anliegen, den Schutz der Mutterschaft aus der Krankenversicherung herauszulösen und eigenständig zu regeln: Mutterschaft sollte nicht als Krankheit angesehen werden. Dies wurde letztendlich durchgesetzt, allerdings erst 2004 und nach etlichen Vorstössen.

Und obwohl Nanchen während ihrer zwei Legislaturen keine konkreten Ergebnisse in Form eines Gesetzes oder ähnlichem erzielen konnte, so war ihr Verdienst dennoch gross – indem sie als Frau anwesend war, und in vielen Fragen eine neue Perspektive einbrachte. Beim Thema Familienpolitik wollte Nanchen einerseits die Arbeit der Mutter aufwerten (bis heute ein Thema, Stichwort unbezahlte care-Arbeit), andererseits auch insbesondere die sog. ‘Frauenfragen’ zu Problematiken machen, die alle Bürger*innen betrafen. Es gab und gibt durchaus Themen, welche Frauen gezwungenermassen mehr betreffen – sei das aufgrund des teilweise bis heute noch gepflegten Hausfrau-Ernährer-Modells oder aufgrund der Biologie ihres Körpers und der Art, wie die Gesellschaft damit umgeht. Doch diese Themen wurden oft als solche abgeschrieben, die ausschliesslich den weiblichen Teil der Gesellschaft etwas angingen und machte diesen dadurch zum ‘Anderen’, das nicht zur Hauptpolitik gehörte und beiseitegeschoben werden konnte.

Es wurde den Themen und den Personen (vor allem Frauen), die sie einbrachten, mit Heiterkeit und Spott begegnet – sie wurden oft nicht ernst genommen. Immer wieder begegneten Politiker ihren Kolleginnen auf deren fundiert argumentierte Wortmeldungen mit unsachlichen Witzen, in denen sie auf Äusserlichkeiten anstelle des eigentlichen Themas eingingen: z.B. als ein Kollege Nanchens meinte, man könne angesichts ihres Liebreizes nur “Oui Madame” erwidern, ohne dabei wirklich auf den Inhalt ihres Vorschlages einzugehen. Nanchen wurde oft auf ihr Äusseres und ihre Rolle als Mutter reduziert und darauf, dass sie als “reizende” und “lebhafte” junge Frau endlich mehr Freundlichkeit und Licht in die “strenge Versammlung” der Regierung bringen würde. Nanchen begegnete dieser Geringschätzung mit stoischer Ausdauer und setzte ihre Arbeit mit viel Geduld immerzu fort. Sie bildete eine Art überparteilichen Frauenausschuss und präsidierte die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen und die Organisation Frauen-Begegnung-Arbeit. Obwohl Klassen- und Parteigrenzen teilweise trotzdem stärker waren als die “Frauensolidarität”, investierte Nanchen stark in den überparteilichen und internationalen Austausch zwischen Frauen.

Nanchen erkannte, dass sich Frauen mit Politik erst einmal vertraut machen mussten – z.B. war die Wahlbeteiligung von Frauen in den Siebzigerjahren noch erschreckend tief. So nutzte Nanchen neben ihrer grossen fachlichen Kompetenz auch ihre Popularität als hübsche junge Politikerin, um junge Frauen und junge Menschen generell zu erreichen und sie dazu zu ermutigen, ihre eigene Stimme zu finden.

Nanchen scheiterte schliesslich dann doch auch selbst an den patriarchalen Strukturen, als sie wegen der Betreuung ihrer Kinder ihr politisches Amt aufgeben musste. Dennoch hat sie mit ihrer Beharrlichkeit und ihrem Mut den Weg zu einer gleichgestellteren Gesellschaft und Debattenkultur geebnet.

Literaturverzeichnis

Amlinger Fabienne, Unerhört: Die ersten Politikerinnen im Bundeshaus, Zürich 2025.

Amtliches Bulletin der Bundesversammlung 1983.

Bruttin Françoise, Quand le parti socialiste valaisan joue la Dame de coeur: Gabrielle Nanchen, in: Femmes suisses et le Mouvement féministe: organe officiel des informations de l’Alliance de Sociétés Féminines Suisses, 65 Jg., 1977, Nr. 6, S. 8.

Nanchen Gabrielle, Interview, Universität Zürich, Schweizer Juristinnen und Frauenrechte in der Schweiz seit 1971, Sion 2024.

R. J.-P., Le sourire du Valais au Conseil national: Gabrielle Nanchen, in: Aînés: mensuel pour une retraite plus heureuse, 3 Jg., 1973, Nr. 5, S. 3–5.

Schläppi Erika, Vom Stimm- und Wahlrecht zur effektiven politischen Partizipation: Formelle und materielle Gleichheit – und die Notwendigkeit positiver Massnahmen, in: Juristinnen Schweiz (Hrsg.), Recht und Geschlecht: Herausforderungen der Gleichstellung – Quelques réflexions 50 ans après le suffrage des femmes, Zürich/St. Gallen 2022, S. 47–70.

Wecker Regina, “Der Staat bin ich! Was geht das die Frauen an?”: Plakate in der Auseinandersetzung um das Frauenstimmrecht im Kanton Basel-Stadt, in: Georg Kreis (Hrsg.), Das Basler Frauenstimmrecht: Der lange Weg zur politischen Gleichberechtigung von 1966, Basel 2016, S. 127–147.