{"id":639,"date":"2022-02-14T13:57:42","date_gmt":"2022-02-14T12:57:42","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/?post_type=chapter&#038;p=639"},"modified":"2022-02-24T16:39:28","modified_gmt":"2022-02-24T15:39:28","slug":"wie-erfahren-wir-den-willen-der-goettinnen-und-goetter","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/chapter\/wie-erfahren-wir-den-willen-der-goettinnen-und-goetter\/","title":{"raw":"Ein Blick in die Zukunft","rendered":"Ein Blick in die Zukunft"},"content":{"raw":"<p style=\"text-align: justify\">Oidipous, Sohn des K\u00f6nigspaares von Korinth, hat in sportlichen Wettk\u00e4mpfen alle anderen jungen M\u00e4nner geschlagen und bekommt nun von den frustrierten Konkurrenten zu h\u00f6ren, er sei ein Ausl\u00e4nder, jedenfalls nicht der Sohn des K\u00f6nigspaars. Was tut ein junger Held in dieser Situation? \u2013 Er fragt den Gott Apollon, wer er denn in Wirklichkeit sei...<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Nach dem Verschwinden der K\u00f6nigin Helena wollen die griechischen K\u00f6nige Troja angreifen und stehen bereit, nach Osten zu segeln, aber der Wind weht \u00fcber Wochen von der falschen Seite. Was tun sie? \u2013 Sie fragen den Seher Kalchas, weshalb die G\u00f6tter ihr Auslaufen verhindern wollen...<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Kroisos, K\u00f6nig der Lyder, f\u00fcrchtet sich vor den Persern, die immer m\u00e4chtiger werden, und m\u00f6chte sie in einem Pr\u00e4ventivkrieg \u00abunsch\u00e4dlich machen\u00bb. Was tut er? \u2013 Er schickt Boten nach Delphi mit dem Auftrag, Apollon zu fragen, ob die G\u00f6tter einen solchen Krieg unterst\u00fctzten...<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Die drei Beispiele zeigen, wie selbstverst\u00e4ndlich die Menschen in der Antike davon ausgingen, dass die G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter in ihr Handeln eingriffen. Man war \u00fcberzeugt, dass eine kriegerische Expedition, aber auch eine Ehe nicht erfolgreich sein konnten, wenn die G\u00f6tter das Vorhaben nicht unterst\u00fctzten. Und wie das Beispiel Oidipous zeigt, suchte man auch in pers\u00f6nlichen Krisen Rat und Hilfe bei den G\u00f6ttern und G\u00f6ttinnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Daf\u00fcr war nicht immer eine Reise in eines der ber\u00fchmten Heiligt\u00fcmer notwendig. Es gab auch in der n\u00e4heren Umgebung der meisten Menschen Seherinnen und Seher, die mit bestimmten Techniken den g\u00f6ttlichen Willen erkundeten. So war es z.B. \u00fcblich, bei politischen Entscheidungen Spezialisten (<em>Auguren<\/em>) zu fragen. Sie beobachteten den Flug grosser V\u00f6gel und leiteten daraus Aussagen dar\u00fcber ab, ob f\u00fcr ein Vorhaben mit g\u00f6ttlicher Unterst\u00fctzung gerechnet werden konnte. Wenn ein Tier geopfert wurde, untersuchte zudem oft ein Eingeweideschauer dessen Leber und las daraus den g\u00f6ttlichen Willen. In vielen St\u00e4dten gab es auch professionelle Traumdeuter, die man um Rat fragen konnte. Manchmal \u00e4usserte sich der g\u00f6ttliche Wille sogar ungefragt: Wenn zum Beispiel in einer Volksversammlung jemand einen epileptischen Anfall erlitt, galt das als g\u00f6ttliches \u00abVeto\u00bb \u2013 die Versammlung wurde sofort abgebrochen. Ebenso interpretierte man auch pl\u00f6tzlich hereinbrechende Unwetter oder astronomische Ph\u00e4nomene wie etwa eine Sonnenfinsternis.<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_641\" align=\"alignleft\" width=\"904\"]<img src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/9_Apollontempel-Delphi.jpg\" alt=\"\" width=\"904\" height=\"600\" class=\"wp-image-641 size-full\" \/> Der Apollontempel in Delphi[\/caption]\r\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr besonders wichtige Fragen schickten Adelige oder St\u00e4dte Boten zu heiligen St\u00e4dten, den sogenannten Orakeln. Das ber\u00fchmteste Orakel befand sich in der griechischen Ortschaft Delphi. Es bestand aus einem grossen heiligen Bezirk, in dessen Zentrum ein Tempel des Apollon stand. Auf dessen Fassade soll, so wird berichtet, in grossen Lettern \u0393\u039d\u03a9\u0398\u0399 \u03a3\u0391\u03a5\u03a4\u039f\u039d (\u00abErkenne dich selbst!\u00bb) gestanden haben. Im innersten Raum des Tempels, bei der Statue des Gottes, sass die Pythia, eine Priesterin, auf einem Dreifuss \u00fcber einer Erdspalte, aus der D\u00e4mpfe quollen. Die Pythia geriet dadurch in eine Art Trance. Wenn ihr die Fragen eines Bittstellers vorgelesen wurden, sprach der Gott durch sie hindurch, allerdings nicht in sch\u00f6nen S\u00e4tzen, sondern in einem kaum verst\u00e4ndlichen Gestammel. Die Priester hatten dann die Aufgabe, dieses gottbegeisterte Gestammel in sch\u00f6ne griechische Hexameter umzuformen, die sie dann den Ratsuchenden \u00fcbergaben. Manipulation war nicht ganz ausgeschlossen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">In einigen ber\u00fchmten F\u00e4llen ist \u00fcberliefert, dass diese Ausk\u00fcnfte mehrdeutig waren. Auch Kroisos, von dem eingangs die Rede war, erhielt einen uneindeutigen Spruch, dar\u00fcber berichtet der Lesetext. Kroisos war im 6. Jh. v. Chr. K\u00f6nig von Lydien. Er dehnte das Herrschaftsgebiet der Lyder stark aus: Einerseits unterwarf er die griechischen St\u00e4dte an der kleinasiatischen K\u00fcste, andererseits erweiterte er im Osten seine Herrschaft bis an den Fluss Halys. Im Osten dieses Flusses lag das Gebiet der Meder und der Perser. Durch die Abgaben der unterworfenen Gebiete und die Ausbeutung von Goldminen wurde Kroisos sehr reich. Schon im 5. Jh. v. Chr. waren sein Reichtum und seine Freigebigkeit sprichw\u00f6rtlich: So kannte der griechische Historiograph Herodotos von Halikarnassos etliche grosse Weihgaben aus massivem Gold, die Kroisos dem Orakel von Delphi geschenkt haben soll.<\/p>","rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Oidipous, Sohn des K\u00f6nigspaares von Korinth, hat in sportlichen Wettk\u00e4mpfen alle anderen jungen M\u00e4nner geschlagen und bekommt nun von den frustrierten Konkurrenten zu h\u00f6ren, er sei ein Ausl\u00e4nder, jedenfalls nicht der Sohn des K\u00f6nigspaars. Was tut ein junger Held in dieser Situation? \u2013 Er fragt den Gott Apollon, wer er denn in Wirklichkeit sei&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Nach dem Verschwinden der K\u00f6nigin Helena wollen die griechischen K\u00f6nige Troja angreifen und stehen bereit, nach Osten zu segeln, aber der Wind weht \u00fcber Wochen von der falschen Seite. Was tun sie? \u2013 Sie fragen den Seher Kalchas, weshalb die G\u00f6tter ihr Auslaufen verhindern wollen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kroisos, K\u00f6nig der Lyder, f\u00fcrchtet sich vor den Persern, die immer m\u00e4chtiger werden, und m\u00f6chte sie in einem Pr\u00e4ventivkrieg \u00abunsch\u00e4dlich machen\u00bb. Was tut er? \u2013 Er schickt Boten nach Delphi mit dem Auftrag, Apollon zu fragen, ob die G\u00f6tter einen solchen Krieg unterst\u00fctzten&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die drei Beispiele zeigen, wie selbstverst\u00e4ndlich die Menschen in der Antike davon ausgingen, dass die G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter in ihr Handeln eingriffen. Man war \u00fcberzeugt, dass eine kriegerische Expedition, aber auch eine Ehe nicht erfolgreich sein konnten, wenn die G\u00f6tter das Vorhaben nicht unterst\u00fctzten. Und wie das Beispiel Oidipous zeigt, suchte man auch in pers\u00f6nlichen Krisen Rat und Hilfe bei den G\u00f6ttern und G\u00f6ttinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Daf\u00fcr war nicht immer eine Reise in eines der ber\u00fchmten Heiligt\u00fcmer notwendig. Es gab auch in der n\u00e4heren Umgebung der meisten Menschen Seherinnen und Seher, die mit bestimmten Techniken den g\u00f6ttlichen Willen erkundeten. So war es z.B. \u00fcblich, bei politischen Entscheidungen Spezialisten (<em>Auguren<\/em>) zu fragen. Sie beobachteten den Flug grosser V\u00f6gel und leiteten daraus Aussagen dar\u00fcber ab, ob f\u00fcr ein Vorhaben mit g\u00f6ttlicher Unterst\u00fctzung gerechnet werden konnte. Wenn ein Tier geopfert wurde, untersuchte zudem oft ein Eingeweideschauer dessen Leber und las daraus den g\u00f6ttlichen Willen. In vielen St\u00e4dten gab es auch professionelle Traumdeuter, die man um Rat fragen konnte. Manchmal \u00e4usserte sich der g\u00f6ttliche Wille sogar ungefragt: Wenn zum Beispiel in einer Volksversammlung jemand einen epileptischen Anfall erlitt, galt das als g\u00f6ttliches \u00abVeto\u00bb \u2013 die Versammlung wurde sofort abgebrochen. Ebenso interpretierte man auch pl\u00f6tzlich hereinbrechende Unwetter oder astronomische Ph\u00e4nomene wie etwa eine Sonnenfinsternis.<\/p>\n<figure id=\"attachment_641\" aria-describedby=\"caption-attachment-641\" style=\"width: 904px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/9_Apollontempel-Delphi.jpg\" alt=\"\" width=\"904\" height=\"600\" class=\"wp-image-641 size-full\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/9_Apollontempel-Delphi.jpg 904w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/9_Apollontempel-Delphi-300x199.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/9_Apollontempel-Delphi-768x510.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/9_Apollontempel-Delphi-65x43.jpg 65w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/9_Apollontempel-Delphi-225x149.jpg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/9_Apollontempel-Delphi-350x232.jpg 350w\" sizes=\"(max-width: 904px) 100vw, 904px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-641\" class=\"wp-caption-text\">Der Apollontempel in Delphi<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr besonders wichtige Fragen schickten Adelige oder St\u00e4dte Boten zu heiligen St\u00e4dten, den sogenannten Orakeln. Das ber\u00fchmteste Orakel befand sich in der griechischen Ortschaft Delphi. Es bestand aus einem grossen heiligen Bezirk, in dessen Zentrum ein Tempel des Apollon stand. Auf dessen Fassade soll, so wird berichtet, in grossen Lettern \u0393\u039d\u03a9\u0398\u0399 \u03a3\u0391\u03a5\u03a4\u039f\u039d (\u00abErkenne dich selbst!\u00bb) gestanden haben. Im innersten Raum des Tempels, bei der Statue des Gottes, sass die Pythia, eine Priesterin, auf einem Dreifuss \u00fcber einer Erdspalte, aus der D\u00e4mpfe quollen. Die Pythia geriet dadurch in eine Art Trance. Wenn ihr die Fragen eines Bittstellers vorgelesen wurden, sprach der Gott durch sie hindurch, allerdings nicht in sch\u00f6nen S\u00e4tzen, sondern in einem kaum verst\u00e4ndlichen Gestammel. Die Priester hatten dann die Aufgabe, dieses gottbegeisterte Gestammel in sch\u00f6ne griechische Hexameter umzuformen, die sie dann den Ratsuchenden \u00fcbergaben. Manipulation war nicht ganz ausgeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In einigen ber\u00fchmten F\u00e4llen ist \u00fcberliefert, dass diese Ausk\u00fcnfte mehrdeutig waren. Auch Kroisos, von dem eingangs die Rede war, erhielt einen uneindeutigen Spruch, dar\u00fcber berichtet der Lesetext. Kroisos war im 6. Jh. v. Chr. K\u00f6nig von Lydien. Er dehnte das Herrschaftsgebiet der Lyder stark aus: Einerseits unterwarf er die griechischen St\u00e4dte an der kleinasiatischen K\u00fcste, andererseits erweiterte er im Osten seine Herrschaft bis an den Fluss Halys. Im Osten dieses Flusses lag das Gebiet der Meder und der Perser. Durch die Abgaben der unterworfenen Gebiete und die Ausbeutung von Goldminen wurde Kroisos sehr reich. Schon im 5. Jh. v. Chr. waren sein Reichtum und seine Freigebigkeit sprichw\u00f6rtlich: So kannte der griechische Historiograph Herodotos von Halikarnassos etliche grosse Weihgaben aus massivem Gold, die Kroisos dem Orakel von Delphi geschenkt haben soll.<\/p>\n","protected":false},"author":700,"menu_order":1,"template":"","meta":{"pb_show_title":"on","pb_short_title":"","pb_subtitle":"","pb_authors":[],"pb_section_license":""},"chapter-type":[],"contributor":[],"license":[],"class_list":["post-639","chapter","type-chapter","status-publish","hentry"],"part":637,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/639"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/types\/chapter"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/users\/700"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/639\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1674,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/639\/revisions\/1674"}],"part":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/parts\/637"}],"metadata":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/639\/metadata\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"chapter-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapter-type?post=639"},{"taxonomy":"contributor","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/contributor?post=639"},{"taxonomy":"license","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/license?post=639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}