{"id":358,"date":"2022-01-24T14:59:09","date_gmt":"2022-01-24T13:59:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/?post_type=chapter&#038;p=358"},"modified":"2022-02-06T11:21:40","modified_gmt":"2022-02-06T10:21:40","slug":"politik-aus-philosophischer-sicht","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/chapter\/politik-aus-philosophischer-sicht\/","title":{"raw":"Kann die Philosophie korrupte Politiker bremsen?","rendered":"Kann die Philosophie korrupte Politiker bremsen?"},"content":{"raw":"<p style=\"text-align: justify\">Publius Cornelius Scipio entstammte einer angesehenen Familie. Er war ein erfolgreicher Feldherr, dessen gr\u00f6sste Erfolge \u2013 die endg\u00fcltige Zerst\u00f6rung der Erzfeindin Karthago und die Niederschlagung eines bewaffneten Aufstandes in der spanischen Stadt Numantia \u2013 ihm die Ehrennamen <em>Africanus<\/em> und <em>Numantinus<\/em> bescherten. Doch auch in innenpolitischen Angelegenheiten war er sehr aktiv, denn nach der Zerst\u00f6rung Karthagos (146 v.Chr.) erlebte das Imperium Romanum eine unruhige und herausfordernde Zeit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Knapp hundert Jahre sp\u00e4ter brodelte es wieder in Rom: Seit Gaius Julius Caesar nach der Alleinherrschaft trachtete, geriet die Republik ins Wanken. Diese hatte seit \u00fcber 450 Jahren bestanden: Nachdem der letzte r\u00f6mische K\u00f6nig, der Tyrann Tarquinius Superbus, um 509 v.Chr. aus der Stadt vertrieben worden war, hatten die R\u00f6mer beschlossen, dass sie nie mehr einem einzigen Mann so viel Macht zugestehen wollten. Fortan war die Macht auf verschiedene Personen und Gremien, die Konsuln, den Senat und das Volk, verteilt. Diese Machtverh\u00e4ltnisse brachte Caesar durch seinen Ehrgeiz in Gefahr.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Er und seine Verb\u00fcndeten hatten auch den ehemaligen Konsul Marcus Tullius Cicero von seiner einflussreichen Position verdr\u00e4ngt und ihm verboten, sich politisch zu \u00e4ussern. Cicero griff zum einzigen Mittel, das ihm in dieser Situation noch blieb: zur Literatur. Unter dem Vorwand, er wolle nur die Werke der griechischen Philosophie ins Lateinische und in den r\u00f6mischen Kontext \u00fcbertragen, versuchte er, seine Zeitgenossen davon zu \u00fcberzeugen, dass die r\u00f6mische Republik die beste Staatsform sei\u00a0.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">In einem fiktiven Dialog l\u00e4sst Cicero den l\u00e4ngst verstorbenen, doch noch immer hochangesehenen Scipio und dessen engen Vertrauten Gaius Laelius mit ein paar Freunden \u00fcber die Frage diskutieren, welche Staatsform die beste sei. Dabei fliessen einerseits griechische Vorbilder (v.a. Platon und Polybios) in die \u00dcberlegungen mit ein, doch der Appell an die Zeitgenossen kann allein Cicero zugeordnet werden: Eine Staatsform ist nur so gut, wie die Menschen, die sie tragen, und keine Struktur ist g\u00e4nzlich vor Machtmissbrauch gesch\u00fctzt.<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_359\" align=\"alignright\" width=\"223\"]<img src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/27_Cicero-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" class=\"wp-image-359 size-medium\" \/> Marcus Tullius Cicero[\/caption]\r\n<p style=\"text-align: justify\">Viel erreicht hat Cicero mit seinem Werk <em>De re publica<\/em> indes nicht: Wenige Jahre sp\u00e4ter installierte sich Caesar endg\u00fcltig als Alleinherrscher, und obwohl Cicero den Despoten um etwas mehr als ein Jahr \u00fcberlebte und nach Caesars Ermordung 44 v.Chr. nochmals an Einfluss gewann, fiel er schliesslich der Machtgier von Caesars Nachfolgern zum Opfer und starb 43\u00a0v.Chr. nach langem, doch letztlich vergeblichem Kampf f\u00fcr die Republik.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Das deutlichste Zeugnis dieses Kampfs, der Dialog \u00fcber den Staat, w\u00e4re der Nachwelt beinahe abhandengekommen. In der Antike noch viel gelesen, verschwand das Werk mit dem beginnenden Mittelalter und galt als verloren. Erst 1819 wurde ein Exemplar wiederentdeckt: In der Vatikanischen Bibliothek wurden Pergamente gefunden, die mit Psalmenkommentaren des sp\u00e4tr\u00f6mischen Bischofs Augustinus beschrieben waren. Doch das war nicht die erste Verwendung dieser Seiten: Auf den Pergamenten war urspr\u00fcnglich Ciceros Dialog <em>De re publica<\/em> niedergeschrieben worden. Da Pergament ein teurer Werkstoff war, hatte man die Schrift sp\u00e4ter abgewaschen und die Seiten neu beschrieben. Mit chemischen Methoden gelang es, einen Grossteil des ersten Textes wieder sichtbar zu machen und Ciceros Worte vor dem Vergessen zu bewahren.<\/p>\r\n\r\n<div>\r\n<div>\r\n<div style=\"text-align: justify\"><\/div>\r\n<\/div>\r\n<\/div>","rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Publius Cornelius Scipio entstammte einer angesehenen Familie. 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Fortan war die Macht auf verschiedene Personen und Gremien, die Konsuln, den Senat und das Volk, verteilt. Diese Machtverh\u00e4ltnisse brachte Caesar durch seinen Ehrgeiz in Gefahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Er und seine Verb\u00fcndeten hatten auch den ehemaligen Konsul Marcus Tullius Cicero von seiner einflussreichen Position verdr\u00e4ngt und ihm verboten, sich politisch zu \u00e4ussern. Cicero griff zum einzigen Mittel, das ihm in dieser Situation noch blieb: zur Literatur. Unter dem Vorwand, er wolle nur die Werke der griechischen Philosophie ins Lateinische und in den r\u00f6mischen Kontext \u00fcbertragen, versuchte er, seine Zeitgenossen davon zu \u00fcberzeugen, dass die r\u00f6mische Republik die beste Staatsform sei\u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In einem fiktiven Dialog l\u00e4sst Cicero den l\u00e4ngst verstorbenen, doch noch immer hochangesehenen Scipio und dessen engen Vertrauten Gaius Laelius mit ein paar Freunden \u00fcber die Frage diskutieren, welche Staatsform die beste sei. Dabei fliessen einerseits griechische Vorbilder (v.a. Platon und Polybios) in die \u00dcberlegungen mit ein, doch der Appell an die Zeitgenossen kann allein Cicero zugeordnet werden: Eine Staatsform ist nur so gut, wie die Menschen, die sie tragen, und keine Struktur ist g\u00e4nzlich vor Machtmissbrauch gesch\u00fctzt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_359\" aria-describedby=\"caption-attachment-359\" style=\"width: 223px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/27_Cicero-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" class=\"wp-image-359 size-medium\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/27_Cicero-223x300.jpg 223w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/27_Cicero-65x87.jpg 65w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/27_Cicero-225x302.jpg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/27_Cicero-350x470.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/27_Cicero.jpg 709w\" sizes=\"(max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-359\" class=\"wp-caption-text\">Marcus Tullius Cicero<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Viel erreicht hat Cicero mit seinem Werk <em>De re publica<\/em> indes nicht: Wenige Jahre sp\u00e4ter installierte sich Caesar endg\u00fcltig als Alleinherrscher, und obwohl Cicero den Despoten um etwas mehr als ein Jahr \u00fcberlebte und nach Caesars Ermordung 44 v.Chr. nochmals an Einfluss gewann, fiel er schliesslich der Machtgier von Caesars Nachfolgern zum Opfer und starb 43\u00a0v.Chr. nach langem, doch letztlich vergeblichem Kampf f\u00fcr die Republik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das deutlichste Zeugnis dieses Kampfs, der Dialog \u00fcber den Staat, w\u00e4re der Nachwelt beinahe abhandengekommen. In der Antike noch viel gelesen, verschwand das Werk mit dem beginnenden Mittelalter und galt als verloren. Erst 1819 wurde ein Exemplar wiederentdeckt: In der Vatikanischen Bibliothek wurden Pergamente gefunden, die mit Psalmenkommentaren des sp\u00e4tr\u00f6mischen Bischofs Augustinus beschrieben waren. Doch das war nicht die erste Verwendung dieser Seiten: Auf den Pergamenten war urspr\u00fcnglich Ciceros Dialog <em>De re publica<\/em> niedergeschrieben worden. Da Pergament ein teurer Werkstoff war, hatte man die Schrift sp\u00e4ter abgewaschen und die Seiten neu beschrieben. Mit chemischen Methoden gelang es, einen Grossteil des ersten Textes wieder sichtbar zu machen und Ciceros Worte vor dem Vergessen zu bewahren.<\/p>\n<div>\n<div>\n<div style=\"text-align: justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"author":700,"menu_order":1,"template":"","meta":{"pb_show_title":"on","pb_short_title":"","pb_subtitle":"","pb_authors":[],"pb_section_license":""},"chapter-type":[],"contributor":[],"license":[],"class_list":["post-358","chapter","type-chapter","status-publish","hentry"],"part":356,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/358"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/types\/chapter"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/users\/700"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/358\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":631,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/358\/revisions\/631"}],"part":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/parts\/356"}],"metadata":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/358\/metadata\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=358"}],"wp:term":[{"taxonomy":"chapter-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapter-type?post=358"},{"taxonomy":"contributor","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/contributor?post=358"},{"taxonomy":"license","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/license?post=358"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}