{"id":3470,"date":"2022-07-11T15:18:00","date_gmt":"2022-07-11T13:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/?post_type=chapter&#038;p=3470"},"modified":"2022-07-12T13:19:08","modified_gmt":"2022-07-12T11:19:08","slug":"non-vitae-sed-scholae-discimus","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/chapter\/non-vitae-sed-scholae-discimus\/","title":{"raw":"Non vitae, sed scholae discimus","rendered":"Non vitae, sed scholae discimus"},"content":{"raw":"<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Im altr\u00f6mischen Bildungssystem gab es keine Schulen. Es waren vorwiegend die Eltern, die ihre Kinder grosszogen. Nachdem die Kinder Lesen und Schreiben zu Hause gelernt hatten, f\u00fchrten die V\u00e4ter ihre S\u00f6hne ins Leben ein, indem sie sie zu den Senatssitzungen und auf das Forum mitnahmen. So lernten sie am Vorbild der \u00c4lteren, den <em>exempla, <\/em>und am <em>mos maiorum<\/em>, an den Br\u00e4uchen der Vorfahren.<\/p>\r\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Erst im 2. Jh. v. Chr. begannen reiche Familien gebildete Griechen \u2013 Sklaven, Freigelassene oder nach Rom Zugezogene \u2013 als Hauslehrer f\u00fcr ihre Kinder einzustellen. Der griechische Einfluss bewirkte zudem, dass es neben dem privaten Unterricht zu Hause einen \u00f6ffentlichen Unterricht in Schulen gab. Dabei handelte es sich jedoch nicht um staatliche Schulen \u2013 der Staat k\u00fcmmerte sich n\u00e4mlich nicht um das Schulwesen und schrieb auch keine Schulpflicht vor. Gebildete M\u00e4nner gr\u00fcndeten eigene Schulen, die jedes Kind besuchen durfte, sofern die Eltern das n\u00f6tige Schulgeld aufbringen konnten. Kinder aus den unteren Schichten konnten sich zwar handwerklich ausbilden, kamen aber nie in den Genuss einer schulischen Ausbildung.<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_3485\" align=\"alignleft\" width=\"300\"]<a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35.png\"><img src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35-300x220.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"220\" class=\"wp-image-3485 size-medium\" \/><\/a> Relief mit einer Schulszene; 2. Jh., aus Rheinland-Pfalz[\/caption]\r\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Die r\u00f6mische Schule umfasste drei Stufen. Auf der Elementarstufe (von 8 bis 12 Jahren) besch\u00e4ftigten sich die Kinder besonders mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Es wurde viel diktiert, nachgeschrieben und auswendig gelernt. In Mathematik lernten die Kinder Addition und Subtraktion. Mit diesen Basiskenntnissen konnten sie sich sp\u00e4ter im Alltag durchschlagen. F\u00fcr viele von ihnen war ihre schulische Laufbahn damit abgeschlossen.\u00a0F\u00fcr die Kinder der reicheren Eltern ging es mit der Sprach- und Literaturschule weiter. In den folgenden vier Jahren vermittelten die <em>grammatici <\/em>den Sch\u00fclern grammatische und literarische Kenntnisse in Latein und Griechisch. Der Unterricht verlief h\u00e4ufig in einem Wechsel von Frage und Antwort.<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: <em>Arma virumque cano Troiae qui primus ab oris<\/em>. \u2013 Wie viele W\u00f6rter hat der Vers?<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Neun.<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Wie viele Nomina?<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Sechs: <em>arma<\/em>, <em>virum<\/em>, <em>Troiae<\/em>, <em>qui<\/em>, <em>primus<\/em>, <em>oris<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Wie viele Verben?<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Eines: <em>cano<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Wie viele Pr\u00e4positionen?<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Eine: <em>ab<\/em>.<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Wie viele Konjunktionen?<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Eine: -<em>que<\/em><\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Untersuche die Worte der Reihe nach. Nehmen wir <em>arma<\/em>: Was ist das f\u00fcr eine Wortart?<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Ein Substantiv.<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: In was f\u00fcr einem Kasus?<\/p>\r\n<p style=\"padding-left: 40px\"><span lang=\"DE\">Discipulus: Akkusativ.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Von 16 bis 20 Jahren besuchten die jungen Erwachsenen die letzte Stufe der Ausbildung, die Rhetorikschule. Unterrichtsstoff war die Theorie der Rede, Lekt\u00fcre ber\u00fchmter Redner und das Halten von eigenen Reden.<\/p>\r\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Gegen die r\u00f6mische Hochschulbildung wurden schon in der Antike kritische Stimmen laut. Sie wurde aufgrund ihres formalen Charakters im Gegensatz zur altr\u00f6mischen \u00f6ffentlichen Erziehung als weltfremd angesehen. Der Philosoph Seneca bringt dies am Ende eines Briefes folgendermassen auf den Punkt: \u00abNon vitae, sed scholae discimus.\u00bb<\/p>\r\n\r\n<div><\/div>","rendered":"<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Im altr\u00f6mischen Bildungssystem gab es keine Schulen. Es waren vorwiegend die Eltern, die ihre Kinder grosszogen. Nachdem die Kinder Lesen und Schreiben zu Hause gelernt hatten, f\u00fchrten die V\u00e4ter ihre S\u00f6hne ins Leben ein, indem sie sie zu den Senatssitzungen und auf das Forum mitnahmen. So lernten sie am Vorbild der \u00c4lteren, den <em>exempla, <\/em>und am <em>mos maiorum<\/em>, an den Br\u00e4uchen der Vorfahren.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Erst im 2. Jh. v. Chr. begannen reiche Familien gebildete Griechen \u2013 Sklaven, Freigelassene oder nach Rom Zugezogene \u2013 als Hauslehrer f\u00fcr ihre Kinder einzustellen. Der griechische Einfluss bewirkte zudem, dass es neben dem privaten Unterricht zu Hause einen \u00f6ffentlichen Unterricht in Schulen gab. Dabei handelte es sich jedoch nicht um staatliche Schulen \u2013 der Staat k\u00fcmmerte sich n\u00e4mlich nicht um das Schulwesen und schrieb auch keine Schulpflicht vor. Gebildete M\u00e4nner gr\u00fcndeten eigene Schulen, die jedes Kind besuchen durfte, sofern die Eltern das n\u00f6tige Schulgeld aufbringen konnten. Kinder aus den unteren Schichten konnten sich zwar handwerklich ausbilden, kamen aber nie in den Genuss einer schulischen Ausbildung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3485\" aria-describedby=\"caption-attachment-3485\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35-300x220.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"220\" class=\"wp-image-3485 size-medium\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35-300x220.png 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35-768x563.png 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35-65x48.png 65w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35-225x165.png 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35-350x257.png 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/07\/Bildschirmfoto-2022-07-11-um-15.33.35.png 1025w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3485\" class=\"wp-caption-text\">Relief mit einer Schulszene; 2. Jh., aus Rheinland-Pfalz<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Die r\u00f6mische Schule umfasste drei Stufen. Auf der Elementarstufe (von 8 bis 12 Jahren) besch\u00e4ftigten sich die Kinder besonders mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Es wurde viel diktiert, nachgeschrieben und auswendig gelernt. In Mathematik lernten die Kinder Addition und Subtraktion. Mit diesen Basiskenntnissen konnten sie sich sp\u00e4ter im Alltag durchschlagen. F\u00fcr viele von ihnen war ihre schulische Laufbahn damit abgeschlossen.\u00a0F\u00fcr die Kinder der reicheren Eltern ging es mit der Sprach- und Literaturschule weiter. In den folgenden vier Jahren vermittelten die <em>grammatici <\/em>den Sch\u00fclern grammatische und literarische Kenntnisse in Latein und Griechisch. Der Unterricht verlief h\u00e4ufig in einem Wechsel von Frage und Antwort.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: <em>Arma virumque cano Troiae qui primus ab oris<\/em>. \u2013 Wie viele W\u00f6rter hat der Vers?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Neun.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Wie viele Nomina?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Sechs: <em>arma<\/em>, <em>virum<\/em>, <em>Troiae<\/em>, <em>qui<\/em>, <em>primus<\/em>, <em>oris<\/em>.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Wie viele Verben?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Eines: <em>cano<\/em>.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Wie viele Pr\u00e4positionen?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Eine: <em>ab<\/em>.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Wie viele Konjunktionen?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Eine: &#8211;<em>que<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: Untersuche die Worte der Reihe nach. Nehmen wir <em>arma<\/em>: Was ist das f\u00fcr eine Wortart?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Discipulus: Ein Substantiv.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">Magister: In was f\u00fcr einem Kasus?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\"><span lang=\"DE\">Discipulus: Akkusativ.<\/span><\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Von 16 bis 20 Jahren besuchten die jungen Erwachsenen die letzte Stufe der Ausbildung, die Rhetorikschule. Unterrichtsstoff war die Theorie der Rede, Lekt\u00fcre ber\u00fchmter Redner und das Halten von eigenen Reden.<\/p>\n<p style=\"font-weight: 400;text-align: justify\">Gegen die r\u00f6mische Hochschulbildung wurden schon in der Antike kritische Stimmen laut. Sie wurde aufgrund ihres formalen Charakters im Gegensatz zur altr\u00f6mischen \u00f6ffentlichen Erziehung als weltfremd angesehen. 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