{"id":2132,"date":"2022-03-21T15:27:08","date_gmt":"2022-03-21T14:27:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/?post_type=chapter&#038;p=2132"},"modified":"2022-03-21T15:29:08","modified_gmt":"2022-03-21T14:29:08","slug":"architektur-der-mensch-als-mass","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/chapter\/architektur-der-mensch-als-mass\/","title":{"raw":"Architektur: Der Mensch als Mass","rendered":"Architektur: Der Mensch als Mass"},"content":{"raw":"<p style=\"text-align: justify\">Dass wir unsere Wahrnehmung von uns selbst auf andere, teils auch unbelebte Dinge \u00fcbertragen, scheint ein urmenschliches Vorgehen zu sein. Daf\u00fcr wurde der Begriff Anthropomorphismus gepr\u00e4gt. Anthropomorphismus kommt in verschiedenen Auspr\u00e4gungen vor: In der Religion spricht man von Anthropomorphismus, wenn G\u00f6ttern menschliche Gestalt und\/oder menschliche Eigenschaften (wie Eifersucht, Begierde etc.) zugeschrieben werden. Auch auf die Sprache hat Anthropomorphismus einen grossen Einfluss, indem wir Bezeichnungen f\u00fcr menschliche K\u00f6rperteile f\u00fcr nicht-menschliche Gegenst\u00e4nde verwenden, wenn wir beispielsweise vom \u00abFlaschenhals\u00bb oder vom \u00abFuss eines Berges\u00bb sprechen.<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_2133\" align=\"alignright\" width=\"356\"]<a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch.jpg\"><img src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-739x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"356\" height=\"493\" class=\"wp-image-2133 \" \/><\/a> Diese Zeichnung von Leonardo da Vinci zeigt die von Vitruvius als ideal beschriebenen Proportionen eines Mannes[\/caption]\r\n<p style=\"text-align: justify\">Auch in der Vermessung seiner Umwelt nimmt der Mensch seinen eigenen K\u00f6rper zum Richtmass. Der schweizerisch-franz\u00f6sische Architekt Le Corbusier (1887-1965) beschrieb dies wie folgt: \u00abDer Erbauer hat als Massstab genommen, was ihm am leichtesten erreichbar war, was gleichbleibend war; er richtete sich nach demjenigen Hilfsmittel, das er am wenigsten verlieren konnte: nach seinem Schritt, seinem Fuss, seinem Ellenbogen, seinem Finger.\u00bb Dabei bezieht sich Le Corbusier auch auf den r\u00f6mischen Architekten Vitruvius (ca. 80\u201315 v. Chr.), der in seinem Werk <em>De architectura<\/em>\u00a0h\u00e4ufig vom menschlichen K\u00f6rper als Massstab beispielsweise f\u00fcr den Tempelbau ausgeht. Jede Masseinheit ist dabei ein Vielfaches einer kleineren anthropomorphen Einheit: Eine Elle ist 24 Finger breit, ein Klafter (die Strecke zwischen den Fingerspitzen, wenn man beide Arme ausstreckt) ist sechs Fuss breit, ein Fuss ist vier Hand breit...<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Diese simplen Verh\u00e4ltnisse nimmt Vitruvius als Basis f\u00fcr seine Theorie der S\u00e4ulenordnung: Die dorische S\u00e4ule weist ein Verh\u00e4ltnis von 1\u00a0:\u00a06 Fuss auf und entspricht damit den K\u00f6rpermassen eines Mannes, dessen K\u00f6rper 6 Fuss hoch ist. Die ionische S\u00e4ule orientiert sich am Verh\u00e4ltnis 1\u00a0:\u00a08 und damit an den K\u00f6rpermassen einer Frau.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Dieses von Vitruv konstruierte anthropomorphe Masssystem entspricht nat\u00fcrlich nicht exakt den sowieso variierenden Verh\u00e4ltnissen des menschlichen K\u00f6rpers, sondern zielt vor allem auf Einfachheit. Daneben l\u00e4sst es auf das Bed\u00fcrfnis schliessen, den Menschen in den Mittelpunkt der Architekturtheorie zu stellen und damit zu einem absoluten Bezugspunkt f\u00fcr eine allgemeine Theorie der \u00c4sthetik zu machen.<\/p>","rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Dass wir unsere Wahrnehmung von uns selbst auf andere, teils auch unbelebte Dinge \u00fcbertragen, scheint ein urmenschliches Vorgehen zu sein. Daf\u00fcr wurde der Begriff Anthropomorphismus gepr\u00e4gt. Anthropomorphismus kommt in verschiedenen Auspr\u00e4gungen vor: In der Religion spricht man von Anthropomorphismus, wenn G\u00f6ttern menschliche Gestalt und\/oder menschliche Eigenschaften (wie Eifersucht, Begierde etc.) zugeschrieben werden. Auch auf die Sprache hat Anthropomorphismus einen grossen Einfluss, indem wir Bezeichnungen f\u00fcr menschliche K\u00f6rperteile f\u00fcr nicht-menschliche Gegenst\u00e4nde verwenden, wenn wir beispielsweise vom \u00abFlaschenhals\u00bb oder vom \u00abFuss eines Berges\u00bb sprechen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2133\" aria-describedby=\"caption-attachment-2133\" style=\"width: 356px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-739x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"356\" height=\"493\" class=\"wp-image-2133\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-739x1024.jpg 739w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-216x300.jpg 216w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-768x1065.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-1108x1536.jpg 1108w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-65x90.jpg 65w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-225x312.jpg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch-350x485.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/03\/21_Vitruvianischer-Mensch.jpg 1385w\" sizes=\"auto, (max-width: 356px) 100vw, 356px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2133\" class=\"wp-caption-text\">Diese Zeichnung von Leonardo da Vinci zeigt die von Vitruvius als ideal beschriebenen Proportionen eines Mannes<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Auch in der Vermessung seiner Umwelt nimmt der Mensch seinen eigenen K\u00f6rper zum Richtmass. Der schweizerisch-franz\u00f6sische Architekt Le Corbusier (1887-1965) beschrieb dies wie folgt: \u00abDer Erbauer hat als Massstab genommen, was ihm am leichtesten erreichbar war, was gleichbleibend war; er richtete sich nach demjenigen Hilfsmittel, das er am wenigsten verlieren konnte: nach seinem Schritt, seinem Fuss, seinem Ellenbogen, seinem Finger.\u00bb Dabei bezieht sich Le Corbusier auch auf den r\u00f6mischen Architekten Vitruvius (ca. 80\u201315 v. Chr.), der in seinem Werk <em>De architectura<\/em>\u00a0h\u00e4ufig vom menschlichen K\u00f6rper als Massstab beispielsweise f\u00fcr den Tempelbau ausgeht. Jede Masseinheit ist dabei ein Vielfaches einer kleineren anthropomorphen Einheit: Eine Elle ist 24 Finger breit, ein Klafter (die Strecke zwischen den Fingerspitzen, wenn man beide Arme ausstreckt) ist sechs Fuss breit, ein Fuss ist vier Hand breit&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Diese simplen Verh\u00e4ltnisse nimmt Vitruvius als Basis f\u00fcr seine Theorie der S\u00e4ulenordnung: Die dorische S\u00e4ule weist ein Verh\u00e4ltnis von 1\u00a0:\u00a06 Fuss auf und entspricht damit den K\u00f6rpermassen eines Mannes, dessen K\u00f6rper 6 Fuss hoch ist. Die ionische S\u00e4ule orientiert sich am Verh\u00e4ltnis 1\u00a0:\u00a08 und damit an den K\u00f6rpermassen einer Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dieses von Vitruv konstruierte anthropomorphe Masssystem entspricht nat\u00fcrlich nicht exakt den sowieso variierenden Verh\u00e4ltnissen des menschlichen K\u00f6rpers, sondern zielt vor allem auf Einfachheit. Daneben l\u00e4sst es auf das Bed\u00fcrfnis schliessen, den Menschen in den Mittelpunkt der Architekturtheorie zu stellen und damit zu einem absoluten Bezugspunkt f\u00fcr eine allgemeine Theorie der \u00c4sthetik zu machen.<\/p>\n","protected":false},"author":700,"menu_order":1,"template":"","meta":{"pb_show_title":"on","pb_short_title":"","pb_subtitle":"","pb_authors":[],"pb_section_license":""},"chapter-type":[],"contributor":[],"license":[],"class_list":["post-2132","chapter","type-chapter","status-publish","hentry"],"part":1555,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/2132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/types\/chapter"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/users\/700"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/2132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2137,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/2132\/revisions\/2137"}],"part":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/parts\/1555"}],"metadata":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/2132\/metadata\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"chapter-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapter-type?post=2132"},{"taxonomy":"contributor","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/contributor?post=2132"},{"taxonomy":"license","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/license?post=2132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}