{"id":1783,"date":"2022-02-26T17:24:22","date_gmt":"2022-02-26T16:24:22","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/?post_type=chapter&#038;p=1783"},"modified":"2022-02-26T17:26:17","modified_gmt":"2022-02-26T16:26:17","slug":"ein-verschollenes-buch","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/chapter\/ein-verschollenes-buch\/","title":{"raw":"Ein verschollenes Buch","rendered":"Ein verschollenes Buch"},"content":{"raw":"<p style=\"text-align: justify\">Warum wird ein Buch verboten? Welche Geheimnisse verbergen sich in ihm? Und warum sollen sie nicht ans Licht kommen?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Die Rede ist vom Lehrgedicht <em>De rerum natura<\/em> (\u00ab\u00dcber das Wesen der Dinge\u00bb) des r\u00f6mischen Dichters und Philosophen Titus Lucretius Carus (1. Jh. v. Chr.). \u00dcber sein Leben wissen wir nicht viel. Angeblich soll ein Liebestrank ihn wahnsinnig gemacht haben \u2013 in den Pausen dieses Wahns soll er an seinem Werk gearbeitet haben.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">In \u00fcber 6\u2019000 Versen pr\u00e4sentiert Lukrez seine f\u00fcr die damalige Welt kontroverse Lehre. Dabei geht er stets von der Betrachtung der Natur aus: Wie k\u00f6nnen Ger\u00e4usche durch W\u00e4nde, wie die K\u00e4lte in den K\u00f6rper dringen? Wie ist es m\u00f6glich, dass wir verschiedene Geschm\u00e4cker und Ger\u00fcche wahrnehmen? Was passiert, wenn wir sterben? Und woraus besteht die Welt?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Besonders zur letzten Frage entwickelten griechische Philosophen bereits seit dem 6. Jh. v. Chr. Theorien. Einigen zufolge war der Grundstoff der Welt Feuer oder Wasser, Luft oder Erde, f\u00fcr andere bestanden die Dinge aus Kombinationen dieser vier Grundelemente. Und wieder andere meinten, dass die f\u00fcr das Universum eigent\u00fcmliche Ordnung der Beweis f\u00fcr einen unsichtbaren Geist sei, der die einzelnen Teile gem\u00e4ss einem vorgefertigten Plan zusammenf\u00fcge.<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_1784\" align=\"alignright\" width=\"302\"]<a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-scaled.jpg\"><img src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"302\" height=\"460\" class=\"wp-image-1784\" \/><\/a> Handschrift von \u00abDe rerum natura\u00bb, geschrieben f\u00fcr Papst Sixtus IV. im Jahr 1483[\/caption]\r\n<p style=\"text-align: justify\">Lukrez folgte in seinen Vorstellungen zum Aufbau der Welt denjenigen des griechischen Philosophen Epikur. Er legte seinen Zeitgenossen ein enorm mutiges Konzept vor, in dem Themen vorkommen, die wir heute Bereichen wie Astrophysik, Genetik und Evolutionstheorie zuordnen. Weder Gottheiten noch die Menschen stehen im Zentrum seiner Lehre.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Dieses antike Werk galt lange als verschollen, bis es im 15. Jh. vom italienischen Humanisten Poggio Bracciolini in einem deutschen Kloster wiederentdeckt wurde. Die Philologen reagierten auf den Text mit Bewunderung, die Theologen mit Abscheu. Im 16. Jh. wurde das Werk als Schullekt\u00fcre verboten, denn die \u00abjungen Seelen\u00bb durften solchen Inhalten auf keinen Fall ausgesetzt werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Sp\u00e4ter aber wurde <em>De rerum natura<\/em> wichtig f\u00fcr die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften.<\/p>","rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Warum wird ein Buch verboten? Welche Geheimnisse verbergen sich in ihm? Und warum sollen sie nicht ans Licht kommen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Rede ist vom Lehrgedicht <em>De rerum natura<\/em> (\u00ab\u00dcber das Wesen der Dinge\u00bb) des r\u00f6mischen Dichters und Philosophen Titus Lucretius Carus (1. Jh. v. Chr.). \u00dcber sein Leben wissen wir nicht viel. Angeblich soll ein Liebestrank ihn wahnsinnig gemacht haben \u2013 in den Pausen dieses Wahns soll er an seinem Werk gearbeitet haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In \u00fcber 6\u2019000 Versen pr\u00e4sentiert Lukrez seine f\u00fcr die damalige Welt kontroverse Lehre. Dabei geht er stets von der Betrachtung der Natur aus: Wie k\u00f6nnen Ger\u00e4usche durch W\u00e4nde, wie die K\u00e4lte in den K\u00f6rper dringen? Wie ist es m\u00f6glich, dass wir verschiedene Geschm\u00e4cker und Ger\u00fcche wahrnehmen? Was passiert, wenn wir sterben? Und woraus besteht die Welt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Besonders zur letzten Frage entwickelten griechische Philosophen bereits seit dem 6. Jh. v. Chr. Theorien. Einigen zufolge war der Grundstoff der Welt Feuer oder Wasser, Luft oder Erde, f\u00fcr andere bestanden die Dinge aus Kombinationen dieser vier Grundelemente. Und wieder andere meinten, dass die f\u00fcr das Universum eigent\u00fcmliche Ordnung der Beweis f\u00fcr einen unsichtbaren Geist sei, der die einzelnen Teile gem\u00e4ss einem vorgefertigten Plan zusammenf\u00fcge.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1784\" aria-describedby=\"caption-attachment-1784\" style=\"width: 302px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"302\" height=\"460\" class=\"wp-image-1784\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-197x300.jpg 197w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-673x1024.jpg 673w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-768x1169.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-1009x1536.jpg 1009w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-1345x2048.jpg 1345w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-65x99.jpg 65w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-225x343.jpg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-350x533.jpg 350w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/02\/18_Lucretius_Vat._lat._1569-scaled.jpg 1681w\" sizes=\"(max-width: 302px) 100vw, 302px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1784\" class=\"wp-caption-text\">Handschrift von \u00abDe rerum natura\u00bb, geschrieben f\u00fcr Papst Sixtus IV. im Jahr 1483<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Lukrez folgte in seinen Vorstellungen zum Aufbau der Welt denjenigen des griechischen Philosophen Epikur. Er legte seinen Zeitgenossen ein enorm mutiges Konzept vor, in dem Themen vorkommen, die wir heute Bereichen wie Astrophysik, Genetik und Evolutionstheorie zuordnen. Weder Gottheiten noch die Menschen stehen im Zentrum seiner Lehre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dieses antike Werk galt lange als verschollen, bis es im 15. Jh. vom italienischen Humanisten Poggio Bracciolini in einem deutschen Kloster wiederentdeckt wurde. Die Philologen reagierten auf den Text mit Bewunderung, die Theologen mit Abscheu. Im 16. Jh. wurde das Werk als Schullekt\u00fcre verboten, denn die \u00abjungen Seelen\u00bb durften solchen Inhalten auf keinen Fall ausgesetzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sp\u00e4ter aber wurde <em>De rerum natura<\/em> wichtig f\u00fcr die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften.<\/p>\n","protected":false},"author":700,"menu_order":1,"template":"","meta":{"pb_show_title":"on","pb_short_title":"","pb_subtitle":"","pb_authors":[],"pb_section_license":""},"chapter-type":[],"contributor":[],"license":[],"class_list":["post-1783","chapter","type-chapter","status-publish","hentry"],"part":1781,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/1783"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters"}],"about":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/types\/chapter"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/users\/700"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/1783\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1786,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/1783\/revisions\/1786"}],"part":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/parts\/1781"}],"metadata":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapters\/1783\/metadata\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1783"}],"wp:term":[{"taxonomy":"chapter-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/pressbooks\/v2\/chapter-type?post=1783"},{"taxonomy":"contributor","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/contributor?post=1783"},{"taxonomy":"license","embeddable":true,"href":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-json\/wp\/v2\/license?post=1783"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}