{"id":173,"date":"2022-01-13T08:04:19","date_gmt":"2022-01-13T07:04:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/?post_type=chapter&#038;p=173"},"modified":"2022-02-06T10:58:19","modified_gmt":"2022-02-06T09:58:19","slug":"im-garten-der-freude-epikureische-philosophie","status":"publish","type":"chapter","link":"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/chapter\/im-garten-der-freude-epikureische-philosophie\/","title":{"raw":"Im Garten der Freude: Epikureische Philosophie","rendered":"Im Garten der Freude: Epikureische Philosophie"},"content":{"raw":"<p style=\"text-align: justify\">Der Philosoph Epikur wurde im Jahr 342\/41 v. Chr. auf der griechischen Insel Samos geboren. Er genoss eine umfassende Bildung und kannte sich auch in den Naturwissenschaften bestens aus. Nach Lehrt\u00e4tigkeiten in verschiedenen St\u00e4dten gr\u00fcndete er in Athen eine Schule, die vor allem aus einem grossen Garten bestand. Die epikureische Schule und die dort gelehrte Philosophie werden deshalb nicht selten \u00abder Garten\u00bb genannt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Zu Epikurs Zeit hatte die griechische Polis viel von ihrer politischen Bedeutung verloren: Die einzelnen Poleis waren in die grossen Diadochenreiche integriert worden. So wurden politische Entscheidungen weit weg von den B\u00fcrger*innen gef\u00e4llt und die Bev\u00f6lkerung der St\u00e4dte st\u00e4rker durchmischt. Dadurch war der Bezugspunkt philosophischen Denkens nun die einzelne Person, das Individuum, das sich jetzt zum ersten Mal auch als Kosmopolit*in f\u00fchlen konnte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Die Philosophen fragten nun eher danach, wie eine einzelne Person ein gelungenes Leben f\u00fchren und gl\u00fccklich sein k\u00f6nne.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Epikur hatte sich intensiv mit Demokrit (vgl. Lectio XVIII) befasst. Er entwickelte dessen Lehre von einer Welt aus Atomen weiter und wandte sie vor allem auch auf Fragen des menschlichen Lebens an. So formulierte er eine Lehre der Wahrnehmung und eine materialistisch-atomistische Seelenlehre.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Daraus ergaben sich zwei zentrale Punkte seiner Ethik:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Erstens zerf\u00e4llt auch die Seele des Menschen nach dem Tod wieder in ihre Atome. Es kann also kein Leben nach dem Tod geben und damit auch keine Strafen in der Unterwelt. Die Angst vor dem Tod ist unn\u00f6tig, weil wir nichts mehr f\u00fchlen, sobald wir tot sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Zweitens empf\u00e4ngt die Seele ihr Wissen, die Grundlage alles Denkens, ausschliesslich aus sinnlicher Wahrnehmung. Anders als die Stoiker lehnt Epikur die Vorstellung eines nicht-materiellen Geistes ab. Deshalb muss auch das \u00absummum bonum\u00bb, das h\u00f6chste, am meisten anzustrebende Gut etwas sein, das wir sinnlich wahrnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify\">Daraus schliesst Epikur, dass Schmerz das ist, was wir am st\u00e4rksten meiden, und Lust (\u1f21\u03b4\u03bf\u03bd\u1f75 \u2013 voluptas) das, was wir letztlich immer anstreben. Allerdings versteht Epikur dieses Streben nach Lust und Vermeiden von Schmerz so, dass bereits das Wegfallen jeder unangenehmen Empfindung als die gr\u00f6sstm\u00f6gliche Lust bezeichnet wird. Es geht also nicht um eine Art Rausch, sondern bloss um Ausgeglichenheit. Die verschiedenen (k\u00f6rperlichen) L\u00fcste sind durchaus erstrebenswert, aber nur, solange sie bei einem selbst und anderen nicht gr\u00f6sseren Schmerz zur Folge haben.<\/p>\r\n\r\n\r\n[caption id=\"attachment_349\" align=\"alignleft\" width=\"1024\"]<img src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-1024x256.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"256\" class=\"wp-image-349 size-large\" \/> Verkohlter Papyrus aus Herculaneum[\/caption]\r\n<p style=\"text-align: justify\">Das Hauptwerk Epikurs \u2014 \u03c0\u03b5\u03c1\u1f76 \u03c6\u1f7b\u03c3\u03b5\u03c9\u03c2 (\u00ab\u00dcber die Natur\u00bb) \u2014 ist nicht erhalten. Vermutlich gibt uns Lukrez in seinem Werk <em>De rerum natura<\/em> eine gute \u00dcbersicht \u00fcber dessen Inhalt. Erhalten sind aber Lehrbriefe von Epikur und zwei Sammlungen von Lehrs\u00e4tzen, die uns einen guten Einblick in seine Philosophie geben. Zudem sind im 20. Jh. in Herculaneum viele noch lesbare Papyri mit epikureischen Schriften gefunden worden.<\/p>","rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Der Philosoph Epikur wurde im Jahr 342\/41 v. Chr. auf der griechischen Insel Samos geboren. Er genoss eine umfassende Bildung und kannte sich auch in den Naturwissenschaften bestens aus. Nach Lehrt\u00e4tigkeiten in verschiedenen St\u00e4dten gr\u00fcndete er in Athen eine Schule, die vor allem aus einem grossen Garten bestand. Die epikureische Schule und die dort gelehrte Philosophie werden deshalb nicht selten \u00abder Garten\u00bb genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zu Epikurs Zeit hatte die griechische Polis viel von ihrer politischen Bedeutung verloren: Die einzelnen Poleis waren in die grossen Diadochenreiche integriert worden. So wurden politische Entscheidungen weit weg von den B\u00fcrger*innen gef\u00e4llt und die Bev\u00f6lkerung der St\u00e4dte st\u00e4rker durchmischt. Dadurch war der Bezugspunkt philosophischen Denkens nun die einzelne Person, das Individuum, das sich jetzt zum ersten Mal auch als Kosmopolit*in f\u00fchlen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Philosophen fragten nun eher danach, wie eine einzelne Person ein gelungenes Leben f\u00fchren und gl\u00fccklich sein k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Epikur hatte sich intensiv mit Demokrit (vgl. Lectio XVIII) befasst. Er entwickelte dessen Lehre von einer Welt aus Atomen weiter und wandte sie vor allem auch auf Fragen des menschlichen Lebens an. So formulierte er eine Lehre der Wahrnehmung und eine materialistisch-atomistische Seelenlehre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Daraus ergaben sich zwei zentrale Punkte seiner Ethik:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Erstens zerf\u00e4llt auch die Seele des Menschen nach dem Tod wieder in ihre Atome. Es kann also kein Leben nach dem Tod geben und damit auch keine Strafen in der Unterwelt. Die Angst vor dem Tod ist unn\u00f6tig, weil wir nichts mehr f\u00fchlen, sobald wir tot sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zweitens empf\u00e4ngt die Seele ihr Wissen, die Grundlage alles Denkens, ausschliesslich aus sinnlicher Wahrnehmung. Anders als die Stoiker lehnt Epikur die Vorstellung eines nicht-materiellen Geistes ab. Deshalb muss auch das \u00absummum bonum\u00bb, das h\u00f6chste, am meisten anzustrebende Gut etwas sein, das wir sinnlich wahrnehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Daraus schliesst Epikur, dass Schmerz das ist, was wir am st\u00e4rksten meiden, und Lust (\u1f21\u03b4\u03bf\u03bd\u1f75 \u2013 voluptas) das, was wir letztlich immer anstreben. Allerdings versteht Epikur dieses Streben nach Lust und Vermeiden von Schmerz so, dass bereits das Wegfallen jeder unangenehmen Empfindung als die gr\u00f6sstm\u00f6gliche Lust bezeichnet wird. Es geht also nicht um eine Art Rausch, sondern bloss um Ausgeglichenheit. Die verschiedenen (k\u00f6rperlichen) L\u00fcste sind durchaus erstrebenswert, aber nur, solange sie bei einem selbst und anderen nicht gr\u00f6sseren Schmerz zur Folge haben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_349\" aria-describedby=\"caption-attachment-349\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-1024x256.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"256\" class=\"wp-image-349 size-large\" srcset=\"https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-1024x256.jpg 1024w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-300x75.jpg 300w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-768x192.jpg 768w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-1536x384.jpg 1536w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-2048x512.jpg 2048w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-65x16.jpg 65w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-225x56.jpg 225w, https:\/\/dlf.uzh.ch\/openbooks\/amor\/wp-content\/uploads\/sites\/105\/2022\/01\/Tesoro_letterario_di_Ercolano_p27-350x88.jpg 350w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-349\" class=\"wp-caption-text\">Verkohlter Papyrus aus Herculaneum<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Hauptwerk Epikurs \u2014 \u03c0\u03b5\u03c1\u1f76 \u03c6\u1f7b\u03c3\u03b5\u03c9\u03c2 (\u00ab\u00dcber die Natur\u00bb) \u2014 ist nicht erhalten. Vermutlich gibt uns Lukrez in seinem Werk <em>De rerum natura<\/em> eine gute \u00dcbersicht \u00fcber dessen Inhalt. Erhalten sind aber Lehrbriefe von Epikur und zwei Sammlungen von Lehrs\u00e4tzen, die uns einen guten Einblick in seine Philosophie geben. Zudem sind im 20. 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